Fachdidaktik Deutsch | Gesprächsführung von Lehramtsstudierenden im Literaturunterricht in Praxisphasen
22195
post-template-default,single,single-post,postid-22195,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-4.2,wpb-js-composer js-comp-ver-5.4.4,vc_responsive

Gesprächsführung von Lehramtsstudierenden im Literaturunterricht in Praxisphasen

Promotionsprojekt von Florian Hesse

Wie Lehrpersonen im Deutschunterricht Gespräche über Literatur führen sollen, ist eine zentrale und nach wie vor aktuelle Frage literaturdidaktischer Forschung. Zwar liegt beispielsweise mit dem ‚Heidelberger Modell‘ ein traditionsreiches und mittlerweile vielfach erprobtes Modell zum gesprächsförmigen Umgang mit literarischen Texten vor (vgl. Härle 2014), jedoch hat sich dieses bislang kaum in der Unterrichtspraxis durchgesetzt. Darüber hinaus wird in letzter Zeit verstärkt die Annahme hinterfragt, ob ‚fragend-entwickelnde‘ Gesprächsformen, die üblicherweise dem freien, ungelenkten Gespräch gegenübergestellt werden, per se negativ zu bewerten sind. So deuten einige Arbeiten darauf hin, dass gerade die lehrerseitige Lenkung (im Sinne eines Scaffoldings) bestimmte Textverstehensprozesse überhaupt erst ermöglicht (vgl. Brüggemann et al. 2017; Harwart & Scherf 2018). Folglich besteht auch weiterhin ein Desiderat literaturdidaktischer Unterrichtsforschung darin, die Gesprächsführung von Lehrpersonen im Literaturunterricht möglichst unvoreingenommen zu beschreiben und zu analysieren, um Potentiale und Schwächen unterschiedlicher Gesprächsformen aufzudecken.

Aus Sicht der Professionalisierungsforschung ist dabei nicht nur relevant, wie ‚Experten-Lehrpersonen‘ in solchen Gesprächen agieren. So weisen schon Borko & Livingston (1989, S. 492) darauf hin, dass angehende Lehrpersonen möglicherweise nicht über ausreichendes Wissen und Können verfügen, die komplexen Handlungsmuster von Experten einfach zu adaptieren. Vielmehr müsse die Lehrerbildung auch berücksichtigen, was Novizen können und wie sie sich zu Experten entwickeln. Demzufolge ermöglicht erst eine ausreichende Kenntnis über den Könnensstand der Novizen die Entwicklung universitärer und praxisbezogener Lerngelegenheiten, die als wünschenswert erachtete Fähigkeiten passgenau mit dem Entwicklungsstand der Novizen in Verbindung bringen. Zu fragen ist aus dieser Perspektive deshalb nicht mehr nur, was Lehramtsstudierende am Ende ihrer Ausbildung idealerweise können sollen, sondern wie dieses Können zielgerichtet in bestimmten Etappen ihrer Ausbildung vermittelt bzw. erworben werden kann.

Das hier dargestellte Promotionsprojekt leistet einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage, indem es untersucht, wie Lehramtsstudierende des Faches Deutsch in ihrem Praxissemester Unterrichtsgespräche über Literatur führen. Dazu wird ein Korpus von 38 Einzelstunden zu epischen Texten im Praxissemester beschrieben und analysiert. Auf makrostruktureller Ebene soll dabei zunächst die Frage geklärt werden, in welchen Phasen die Gespräche ablaufen und ob die Studierenden dabei bestimmten Mustern folgen. In vertiefenden, mikrostrukturellen Analysen ausgewählter Videos wird in einem zweiten Schritt beschrieben, wie die Studierenden Facetten literarischen Lernens im Gespräch zu initiieren und zu befördern versuchen. Dabei greift die Studie auf gesprächsanalytische Verfahren zurück.

Anmerkungen:

  • Das Projekt wird durch Prof. Dr. Iris Winkler (Jena) und Prof. Dr. Christoph Bräuer (Göttingen) betreut und durch die Studienstiftung des deutschen Volkes im Rahmen eines Promotionsstipendiums gefördert (2019-2022).
  • Die Unterrichtsvideos stammen aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt OVID-PRAX (vgl. Gröschner, Klaß & Winkler 2019).

Literatur:

Borko, Hilda & Livingston, Carol (1989): Cognition and Improvisation: Differences in Mathematics Instruction by Expert and Novice Teachers. In: American Education Research Journal 26 (4), S. 473-498.

Brüggemann, Jörn; Albrecht, Christian; Frederking, Volker & Gölitz, Dietmar (2017): Literarisches Lernen durch Unterrichtsgespräche. Ein Beitrag über Unterrichts- als Interventionsforschung und deren Herausforderungen für die empirische Literaturdidaktik. In: Christian Dawidowski, Anna R. Hoffmann & Angelika R. Stolle (Hrsg.): Lehrer- und Unterrichtsforschung in der Literaturdidaktik. Konzepte und Projekte. Frankfurt a. M.: Peter Lang. S. 61-79.

Gröschner, Alexander; Klaß, Susi & Winkler, Iris (2019): Lernbegleitung von Langzeitpraktika – Konzeption und Designelemente einer hochschuldidaktischen Intervention mittels Unterrichtsvideos. In Julia Košinár, Alexander Gröschner & Ulrike Weyland (Hrsg.), Langzeitpraktika als Lernräume – Historische Bezüge, Konzeptionen und Forschungsbefunde. Münster: Waxmann, S. 85–101.

Härle, Gerhard (2014): „… und am Schluss weiß ich trotzdem nicht, was der Text sagt“. Grundlagen, Zielperspektiven und Methoden des Literarischen Unterrichtsgesprächs. In: Marcus Steinbrenner, Johannes Mayer, Bernhard Rank und Felix Heizmann (Hrsg.): »Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander«. Das Heidelberger Modell des Literarischen Unterrichtsgesprächs in Theorie und Praxis. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. S. 29-66.

Harwart, Miriam & Scherf, Daniel (2018): „Vielleicht muss man aber auch so damit leben können und es aushalten.“ Zur Bedeutung des Lehrerhandelns in schulischen ästhetischen Rezeptionsprozessen. In: Daniel Scherf & Andrea Bertschi-Kaufmann (Hrsg.): Ästhetische Rezeptionsprozesse in didaktischer Perspektive. Weinheim: Beltz Juventa. S. 149-163.